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Jörg Jerusel im Interview

1. Persönliche Angaben

Vater: Jörg Jerusel, Diplom-Sozialwissenschaftler  

Stelle: Verwaltungsangestellter im Dezernat 4 der Leibniz Universität Hannover
(Stellenumfang: 50%)

Familie: Mit Partnerin (Mutter der Kinder) zusammen lebend; 2 Kinder: Ole (sieben Jahre, Schulkind) und Carlotta (vier Jahre; Kindergarten)

 

2. Konkrete Beteiligung an Kindererziehung/-betreuung

Zeit: Keine Elternzeit oder Erziehungsurlaub genommen. Bedingt durch die halbe Stelle übernehme ich alle anfallenden Kindererziehungs- und Betreuungsaufgaben, die außerhalb meiner Arbeitszeit anfallen.

Aufgaben: Wecken, Wickeln, Anziehen, Essen (Brote, Obst, Getränke), für die Schule

und den Kindergarten fertig machen; Abholen der Kinder von Schule und Kindergarten, Spielen, Hin- und Wegbringen zu Freizeiteinrichtungen (Sport; Rhythmik/Musik); Bildungsaufgaben (Die „Glockseeschule“ gibt als Ganztagsschule keine Hausaufgaben auf. An die Stelle von Hausaufgaben oder Lernkontrolle tritt spielerisches Vermitteln des Lernstoffes, z.B. Zahlen und Schreiben lernen durch Einkaufszettel und Einkauf etc.); Essen für die Familie zubereiten; mindestens eines der Kinder abends ins Bett bringen. Darüber hinaus im Krankheitsfall Betreuung und Arztbesuche.

Durch die flexible Arbeitszeitgestaltung an der LUH bin ich für die Eingewöh­nung unserer Kinder innerhalb der Betreuungseinrichtungen (Krabbelgruppe; Kindergarten) verantwortlich (gewesen). Eingewöhnung heißt auch, dass man im Kindergarten auch mal eine viertel Stunde länger bleiben muss als geplant, da Kinder eben nicht so funktionieren wie Erwachsene. Die flexible Arbeitszeit kommt also Familien bzw. der individuellen Kindesentwicklung entgegen. Meine Frau mit einem wesentlich starreren beruflichen Tagesablauf (weit im Voraus fixierte Patiententermine), könnte dies nur schwer leisten.

3. Konkrete Beteiligung an Haushaltstätigkeiten

Zeit:    2 Std. pro Tag

Aufgaben: Dadurch dass ich eine halbe Stelle habe und meine „Frau“ halbtags in ihrer Praxis arbeitet, übernehme ich sämtliche anfallende Haushaltstätigkeiten wie Putzen, Essen für die Familie zubereiten, Waschen, Einkaufen etc. Gleichzeitig gibt es in einigen Bereichen eine Art Arbeitsteilung. So erledige ich meist die Einkäufe im Supermarkt, während meine Frau meist auf dem Wochenmarkt einkauft.

4. Über die Mutter

Inhaberin einer Physiotherapie-Praxis; Ausbildung als Physiotherapeutin (FH im euro­päischen Ausland). Patientenversorgung ca. im Rahmen einer halben Stelle (spiegelbild­lich zu meinem Arbeitsumfang und Arbeitszeiten). Hinzu kommt anfallende (Verwal­tungs-) Arbeit bezüglich des Praxisbetriebs (oft abends oder am Wochenende). Aufgrund des Selbständigenstatus meiner Frau, war die Inanspruchnahme von Elternzeit/Erziehungsurlaub für sie nicht möglich.

5. Was war Ihre Motivation, sich aktiv an der Kindererziehung und –betreuung zu beteiligen?

Dieser Punkt lässt sich vielleicht am besten durch das Begriffspaar „Notwendigkeit und Wunsch“ beschreiben:

Notwendigkeit: Als Inhaberin einer Physiotherapiepraxis war es/ist es meiner Frau nicht möglich, zu 100 % die Kinderbetreuung zu übernehmen. Eine alleinige Be­treuung der Kinder durch meine Frau, hätte die Aufgabe/Verkauf der Physiotherapie-Praxis bedeutet. Bei der momentanen Situation im Gesundheitswesen hätte für meine Frau eine lange Arbeitspause einen Wiedereinstieg ins Berufsleben sehr schwer gemacht oder wäre gar unmöglich gewesen.

Darüber hinaus hätte mein Einkommen (1/2 Stelle) einen Vierpersonenhaushalt nur sehr schwer oder gar nicht ernähren können. Hinzu kam lange Zeit, die berufliche Unsicherheit durch die Befristung meiner Stelle (Zweijahresverträge).

6. Gibt es Hürden und besondere Herausforderungen bei der Ausübung aktiver Vaterschaft?

A: Meine befristeten Arbeitsverhältnisse haben sich bei der Auswahl der Kinderbetreuungseinrichtungen erschwerend ausgewirkt. Wenn schon befristet, dann wäre ein längerer Arbeitsvertrag (fünf statt zwei Jahre) hilfreich gewesen.

B: Eigentlich hatte ich bei meinen befristeten Arbeitsverträgen immer die unbegründete Angst, dass sich die Inanspruchnahme von Elternzeit/Erziehungsurlaub negativ auf eine Vertragsverlängerung auswirken könnte.

7. Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht? 

Trotz meines Arbeitswunsches, wollte ich das einmalige und unwiederholbare Erlebnis der Kinderentwicklung nicht verpassen.

Als Mitarbeiter des Dez. 4 bin ich für mehrere Datenbanken verantwortlich – für mich wirklich eine spannende Tätigkeit. Datenbanken „ticken“ jedoch trotz ihrer Komplexi­tät in einer strengen 1- zu 0-Logik, die auch ermüdend sein kann. Die Kinderbetreuung und die Weltsicht der Kinder helfen mir täglich aufs Neue, die berufsbedingte Sicht­weise abzuschütteln. Darüber hinaus ist man durch den Umgang mit Kindern gezwun­gen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen – ein Aspekt, der auch anstrengend sein kann, aber auf jeden Fall bereichernd für die eigene Persönlichkeit ist.

 

8. Haben Sie Anregungen und Wünsche an Politik und Arbeitgeber zur Verbesserung der Situation aktiver Väter und zum Abbau von Hürden auf dem Weg zur aktiven Vater­schaft?

Siehe zu 6.

9. Haben Sie Empfehlungen oder Tipps für andere (werdende) Väter?

Meiner Einschätzung nach ist es vorwiegend so, dass Männer die Kinderbetreuung nur dann wahrnehmen, wenn sie innerhalb der Familie nicht die Besserverdienenden sind. Ich würde vermuten, dass es auch heute noch oft der Fall ist, dass innerhalb der Familie der Mann mehr verdient als die Frau. Nach einer innerfamiliären, ökonomi­schen Logik, ist dann die Person für die Kinderbetreuung zuständig, deren wegfallen­des Einkommen geringer ist. Basierend auf meinen Erfahrungen, kann ich Vätern nur raten, sich die einmalige Chance auf so eine tolle Erfahrung wie die Teilhabe an der Kinderentwicklung und am Kinderalltag nicht nehmen zu lassen – auch wenn dies mit finanziellen Einbußen verbunden sein sollte.

Tipp: Den Familiensport, ein kostenloses Angebot für Universitätsangehörige des Zentrums für Hochschulsport (ZfH), „ausprobieren“. Dort findet sonntags am Vormittag in Halle 2 ein betreutes Turnangebot statt. Im Herbst/Winter nutzen wir dieses Angebot ausgiebig - beide Kinder freuen sich immer auf den Termin mit dem „riesengroßen Trampolin“.

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